Mai 16 2016

Die Auflehnung der Neandertalerin

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NeandertalerinAndrea hatte ihre gespreizten Beine auf das Bett gestemmt und ihren Rücken in einem schier unmöglichen Winkel nach oben gebogen. Den Mund zu einem Schrei aufgerissen, zerrte sie an den Haaren der Frau zwischen ihren Schenkeln und presste sie mit aller Kraft gegen ihren Unterleib.

Mit mahlenden Kiefern und halb zusammengekniffenen Augen, als könnte er so schärfer sehen, schaute Malte Hansen auf das Bild in seinen Händen. Es war das Foto eines Profis, aufgenommen mit einem Teleobjektiv durch das Fenster eines Hamburger Luxushotels. Gestochen scharf hoben sich die schweißglänzenden Körper der beiden Frauen von dem zerknüllten schwarzen Seidenlaken ab.

Jedes Detail davon nahm er in sich auf. Die dunklen Locken der Frau zwischen Andreas Schenkeln mit der roten Strähne darin, die achtlos zu Boden geworfenen Kleidungsstücke und auch die beiden Cocktailgläser mit dem Zuckerrand auf dem Tischchen nicht weit entfernt von dem Doppelbett. Eines davon war umgestürzt. Sie mussten wie die Tiere übereinander hergefallen sein, nicht einmal die Zeit zum Ausziehen hatten sie sich genommen. Andrea hatte den Rock aus weißem Kängeruhleder, den sie zusammen in London gekauft hatten, nur hochgeschoben und der Frau, deren Gesicht von Andreas Schenkeln verdeckt wurde, klebte noch der Stoff eines taubenblauen Kostümrocks auf ihrem ausladenden Hintern.

Andrea hatte den Kopf zur Seite gedreht und blickte direkt in die Kamera, von der sie nichts wissen konnte. Jeder, der ihre in Ekstase aufgerissen Augen sah, würde wissen, dass das Foto exakt in jener Sekunde geschossen worden war, in der ihre Welt nur noch aus wilden Lustschreien und unkontrollierten Muskelkontraktionen in ihrem Unterleib bestanden hatte.

Doch niemand würde es je zu Gesicht bekommen. Er starrte noch einen Moment mit brennenden Augen auf das Foto, bis er sich sicher war, keines der Details seiner Schande darauf jemals zu vergessen, dann riss er es in Fetzen, immer wieder, so lange, bis selbst seine starken Finger aufgaben. Achtlos ließ er die Schnipsel auf den dunkelvioletten Veloursteppichboden der Hotellounge rieseln.

Der unscheinbare Mann in dem Sessel ihm gegenüber mit dem schütteren Blondhaar und einem blassen Gesicht, das man nach dem ersten Blick sofort wieder vergaß, hieß Winfried Scheidler und verdiente sein Geld als freier Mitarbeiter für ein Sicherheitsunternehmen. Er musterte hinter halbgesenkten Wimpern scheinbar gelangweilt die Gäste in der Lobby, doch in Wirklichkeit ließ er sich kein einziges Zucken in dem fast quadratischen Gesicht seines breitschultrigen Gegenübers entgehen.

Vor zehn Jahren hatte er den ersten Auftrag für ihn erledigen müssen und schon damals gehofft, dass es der Letzte gewesen wäre. Malte Hansen besaß mehr als genug Geld und hätte sich damit längst das mehrmals gebrochene und darum schiefe Nasenbein richten und auch die helle Narbe an seinem kantigen Kinn verschwinden lassen können, doch stattdessen trug er diese Zeichen seiner Vergangenheit wie andere eine Siegesmedaille.
Er trug Anzüge, für deren Preis sich normale Leute einen Kleinwagen kauften, ließ seine spatenblattförmigen Fingernägel zweimal die Woche von einer Schwuchtel maniküren, spendete jeden Monat möglichst öffentlichkeitswirksam für das Kinderhilfswerk und ließ seinen Grips von einem persönlichen Mentaltrainer fit halten. Doch unter seiner Schickeriaschale besaß er noch immer das Ego eines in die Jahre gekommenen Elefantenbullen und Leute, die ihm ihn die Quere kamen, walzte er platt. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass er seine Geschäfte schon lange nicht mehr auf dem Hamburger Kiez als Boss von Schlägern und Geldeintreibern machte, sondern mit einem undurchsichtigen Geflecht dubioser Firmen im Osten Deutschlands, die alle ihren Sitz in einem unscheinbaren Briefkasten in Holland hatten. Er hatte zwar seine Methoden geändert und benutzte jetzt statt Baseballschlägern ein Heer von Anwälten und Politikern, doch das Ergebnis blieb das Gleiche. Nicht einmal seinen Gossenslang hatte er abgelegt, sondern pflegte ihn geradezu und stieß damit jeden vor den Kopf. Und er besaß noch immer das abgegriffene schwarze Notizbuch, in dem nicht nur die Nummer eines gewissen Hamburger Detektivs stand, der es mit der Privatsphäre anderer nicht so genau nahm, sondern auch die von schweren Jungs, gegen die Jack the Ripper ein Waisenknabe war.

Mit einem Papiertaschentuch trocknete Hansen den Schweiß auf seiner Glatze und fragte: „Wer ist die Tussi, die es meiner Frau besorgt?“

„Ist das wichtig?“

Hansen fixierte mit seinem Blick die Augen des Privatdetektivs und die Lufttemperatur in der Lounge schien schlagartig auf arktische Temperaturen zu sinken. „Wer ist die andere Frau?“ wiederholte er. Er hatte nicht lauter gesprochen, nur seine Stimme hatte etwas heiserer geklungen als sonst.

Scheidler legte einen gelben Umschlag auf das Tischchen zwischen ihnen. „Sieglinde Sommer, sechsunddreißig, ledig, besitzt eine kleine Modeboutique hier in Schwerin im Schlossparkcenter. Alles andere, der Speicherchip mit den Originalen der Fotos und meine Rechnung sind hier.“

Er zog den Reißverschluss seines schwarzen Seidenblousons hoch und stand auf.

Langsam griff Hansen nach dem Umschlag, hielt ihn einen Moment in der Hand und verstaute ihn dann sorgsam in der rechten Innentasche seines grauen Maßanzuges von Kilgour, French & Stanbury aus der Londoner Savile Row. Scheinbar ruhig fragte er: „Ist das alles?“

Für einen Moment war Scheidler versucht, ihm auch noch den Rest zu erzählen. Andrea Hansen hatte für ihre Liebestreffen immer Zimmer in den oberen Etagen des Hotels genommen und penibel darauf geachtet, die Vorhänge zuzuziehen. Doch gestern hatte sie in der ersten Etage gebucht, in deren Zimmer man fast aus den vorbeifahrenden Autos hineinschauen konnte. Mehr noch, sie hatte sogar das Fenster weit geöffnet.

Wenn sich Hansen das Foto ohne seine testosteronverklebten Augen angesehen hätte, wäre ihm aufgefallen, das seine Frau die ganze Zeit genau dorthin geschaut hatte, wo die Kamera gestanden hatte, als wäre sie ein Fotomodell und als hätte sie gewusst, dass sie observiert wurde. Die Art, wie die blonde Schönheit es mit der Sommer getrieben hatte, war mehr eine Zurschaustellung gewesen denn ein Liebesakt. Das Ganze hatte gewirkt, als hätte sie jemandem damit den Stinkefinger zeigen wollen und wenn dieser jemand Malte Hansen war, dann wollte Scheidler mit der Sache nichts zu tun haben. Wenn die oberen Zehntausend ihre Kriege führten, bezahlten immer die kleinen Leute wie er die Zeche und so antwortete er nur: „Ja. Natürlich.“

Hansen schnaubte und seine Stimme dröhnte durch die Hotellounge: „Dann sind Sie ein verdammter Idiot! Vor einem Monat habe ich Sie auf die Spur gesetzt, aber Sie wollen mir weißmachen, dass alle bisherigen Treffen der beiden – und es dürften einige gewesen sein – so versteckt waren, dass Sie mir nicht einmal sagen konnten, von wem sich meine Ehenutte knallen lässt. Und auf einmal schmeißen Sie mir Hochglanzfotos von dem gestrigen Treffen auf den Tisch, als hätten sich die beiden in einer meiner Peepshows gewälzt. Entweder, Sie sind ein Pfuscher, der gestern nichts weiter als Glück gehabt hat, oder Sie haben von meinem Geld in den letzten Wochen fröhliches Sangriasaufen auf Malle gemacht.“

Scheidler zuckte die Schultern und sagte: „Wenn Sie meinen. So haben Sie schon beim letzten Mal die Rechnung gedrückt. Scheint eine schlechte Angewohnheit bei Ihnen zu sein. Mit dem, was jetzt wahrscheinlich kommt, will ich sowieso nichts mehr zu tun haben. Ihre Frau hat nie im Voraus gebucht, immer nur direkt am Empfang und immer alleine. Wir konnten weder Technik in der Suite installieren noch ihr im Fahrstuhl folgen, ohne aufzufallen. Die Sommer wird immer mit dem Lift direkt aus dem Parkhaus hochgefahren sein und ohne Zugriff auf die Videokameras hatten wir gar keine Chance, herauszufinden, mit wem sich Ihre Frau trifft. Erst als wir dieses Foto hatten, haben wir sie über ihre Autonummer bekommen.“

Es gab nichts weiter zu sagen, doch etwas zwang Scheidler, noch eine Frage zu stellen: „Was werden Sie jetzt tun?“

Hansen verzog seine schmalen Lippen zu einem Haifischgrinsen. „Meine Ehefrau geht gerade den Bach runter. Ich kann auch gerne noch einen unfähigen Privatdetektiv hinterherschmeißen. Wolltest du sonst noch etwas fragen – Schnüffler?“

Scheidler presste den Mund zu einem Strich zusammen und dachte, dass er die Frage besser für sich behalten hätte. „Sie dürfen gerne auf mir herumtrampeln, falls Sie sich dann besser fühlen. Das ist in meiner Rechnung schon mit einkalkuliert. Wenn Sie mich nach Dreck schnüffeln lassen, müssen Sie auch damit rechnen, dass ich ihn finde. Wenn Sie die Wahrheit nicht wissen wollen, engagieren Sie das nächste Mal Rudi Ratlos von der Müllabfuhr. Nichts für ungut. Sie haben meine Nummer!“

Er drehte sich um, ging an die Bar sein Bier bezahlen und dachte daran, was Hansen jetzt mit seiner Ehefrau anstellen würde. Doch eigentlich ging es ihn nichts mehr an, er war raus aus der Geschichte und letzten Endes war sie selbst schuld. Wer mit dem Teufel tanzte, musste auch die Musik bezahlen.

Auf dem Weg zum Ausgang blickte er noch einmal in die Lounge. Hansen saß noch immer in seinem Sessel und blätterte in einem abgegriffenen schwarzen Notizbuch. Scheidler machte, dass er davon kam.

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Veröffentlicht16. Mai 2016 von rsonnberg in Kategorie "Kurzgeschichten", "nachdenklich

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