April 11 2016

Knockout

1

seidenfrauHinweis: Diese Novelle ist für Jugendliche unter sechzehn Jahren nicht geeignet.

 

Jedes Zeitalter hatte seine Rōnin – herrenlose Krieger ohne Moral, ohne Besitz und ohne Skrupel, die umherzogen und ihre Dienste an den Meistbietenden verschacherten. Auf sie griff man zurück, wenn der Job für die eigenen Truppen zu dreckig, das Risiko zu hoch und die Erfolgsaussichten mies waren.

Die Schlachten im einundzwanzigsten Jahrhundert wurden zwar nicht mehr mit Schwertern, sondern mit Informationen geführt, doch dreckige Jobs, hohe Risiken und miese Erfolgsaussichten gab es ständig. Irgendwo  war immer die Kacke am Dampfen, musste ein Tarifvertrag umgangen werden oder brauchte man jemanden, dem man, wenn ein Projekt an die Wand gefahren wurde, zwischen die Beine treten konnte und dann kamen wir ins Spiel. Allerdings trugen wir keine Schwerter mehr, sondern Laptops, und wir nannten uns nicht mehr „Rōnin“, sondern „Freelancer“.

Wenn die Kohle stimmte, hatte ich keine Probleme damit, achtzig Stunden in der Woche zu knüppeln, nur vierzig davon aufzuschreiben und meinen Nachtschlaf auf einem Bürostuhl zu verbringen, um jeden Programmabbruch checken zu können. Wenn sich nach dem Aufwachen nach vier Stunden Schlaf der erste Schmerz gelegt hatte, blieben noch neunzehn Stunden des Tages für Adrenalinschübe vor Hochleistungsrechnern und in Projektrettungsmeetings, dreißig Minuten für einen Whisky abends in der Hotelbar und, manchmal, wenn es gut lief, auch noch einmal „rauf, rein, raus, runter“ mit irgendeinem weiblichen Körper, dessen Besitzerin gerade willig war. Es war ein Leben wie auf Droge, mit verhängten Spiegeln, die jeden tieferen Blick in das eigene Ich verhinderten und ich fand es geil.

Allerdings hatte ich ein paar schlechte Monate hinter mir, war ein paar Mal zu oft der Sündenbock gewesen und nicht nur mein Ruf, sondern auch mein Konto hatten ziemlich gelitten. Deswegen hatte ich einen Job im Osten angenommen, was ich sonst tunlichst vermeide, weil die Bezahlung hier, verglichen mit Frankfurt oder München, einfach nur lausig war. Doch ich brauchte den Auftrag dringend, was die morgige Preisverhandlung mit dem Chef der IT, einem Dr. Weinhold, nicht gerade einfacher machen würde.

Ich hatte in Schwerin im InterCityHotel eingecheckt. Es lag direkt am malerischen Hauptbahnhof, war modern und der Service war, wie bei den meisten Hotels in meiner ehemaligen Heimatstadt, hervorragend.

Vom Fenster meines Hotelzimmers blickte ich auf den Bahnhofsvorplatz. Der Herbst hatte Einzug gehalten, färbte die Blätter bunt und der Abendregen ließ die Pflastersteine im Licht der Straßenlaternen glänzen. Menschen strömten aus der Bahnhofshalle, spannten Schirme auf, schlugen die Kapuzen ihrer Jacken hoch und riefen nach Taxis. Sie kamen von der Arbeit, waren auf dem Weg nach Hause und freuten sich, weil die Familie auf sie wartete.
Seit fünf Jahren reiste ich durch Deutschland und half Computern, mit den Menschen zurechtzukommen, mein Zuhause sah mich nur an den Wochenenden und niemand wartete dort auf mich. Die Menschen verbrachten die Abende bei ihren Lieben, ich in den Hotels Europas und mein Leben schwamm davon wie ein Korken in den Wellen des Ozeans.

Ich drehte den Kopf und mein Blick fiel auf den Zierbrunnen im Zentrum des Grunthalplatzes. „Rettung aus Seenot“ heißt die Skulptur darauf und Hugo Berwald hatte sie neunzehnhundertzehn geschaffen.

„Wer wird dich retten, Hartwig Renner?“ Aus dem Nichts tauchte der Gedanke auf und mein Spiegelbild in der Fensterscheibe war so voll Wehmut, dass nicht einmal ich es mehr übersah. Regentropfen rannen darüber und ich drehte mich zurück ins Zimmer.

Mit Schwermut überlebte man in meinem Beruf so lange wie ein Fisch in der Wüste und ich wusste ein Mittel gegen Gefühlsduselei. Wo andere Menschen Tabletten benötigten, bevorzugte ich einen Laptop. Der ließ sich zwar nicht so einfach schlucken wie eine Pille, dafür gab es ihn aber ohne Rezept. Eine Angel mit meinem Foto als Köder nebst einem auf die Bedürfnisse einsamer Frauen zugeschnittenem Profil schwamm immer in diversen Kontaktbösen herum und ich schaute nach, ob etwas Hübsches angebissen hatte, das ich vielleicht noch heute Abend in mein Hotelbett zerren konnte.

Die Hoffnung zerschlug sich nach einem Blick in meine Postfächer, doch zumindest hatte sich eine unbekannte Sie mein Profil angesehen. Bei meinem Gegenbesuch erblickte ich das Foto einer Frau mit blauen Augen, einem herzförmigen, gebräunten Gesicht und blonden, halblangen Haaren über einer hohen, faltenlosen Stirn. Die Designerbrille sah nach intellektueller Spinnerin aus und die Klunker an den Ohrringen nach einem Bankkonto, das die Farbe Rot nicht kannte. Schade, dass ihre Augen so verkniffen wirkten und sie die Lippen aufeinander presste. Eine Frau, die sich in einer Kontaktbörse mit einem Porträtbild präsentierte, sollte ein Lächeln darauf zeigen.
Ich las, wonach sie suchte und wusste, was die zusammengepressten Lippen verbargen – die Haare auf den Zähnen. Sie wollte keinen Mann, sondern einen Sklaven, auf Lebenszeit und mit Ring. Ich war sicher, dass sie ihm den durch die Nase ziehen würde, ohne Betäubung und jeden Tag aufs Neue.

Wo andere Damen die Anforderungen an ihren temporären Sexualpartner auf fünf Zeilen oder weniger – manche beschränkten sich auf die simple Forderung „männlich“ – zusammenquetschten, beanspruchte sie zweiunddreißig Zeilen. Sie schrieb neunundzwanzig Bedingungen vor, die ich erfüllen musste, um mit ihr Verbindung aufnehmen zu dürfen und dreimal ließ sie durchblicken, dass ich offen für Ungewöhnliches zu sein hätte. Im Vergleich mit ihrem Profil lud der Prüfungsparcours der Navy Seals zu einem Sonntagsspaziergang mit Blümchenpflücken ein.
Bei dieser Eisprinzessin gab es nichts weiter zu pflücken als lebenslange Sklaverei. Frauen wie sie sind auch nackt noch vollkommen zugeknöpft, treiben es nur in der Finsternis eines Schwarzen Lochs, Lichtjahre von jeder bewohnbaren Gegend der Milchstraße entfernt und mit einhundertprozentigem Schallschutz.

Nach ihrem Männerbild war ich ein bierbäuchiger, im Stehen pinkelnder Macho, der alles vögelte, was irgendwo ein Loch hat und nicht bei drei auf dem Kaktus sitzt. Ich fühlte mich verletzt. Einen Bierbauch hatte ich nicht. Was für eine blöde, wahrscheinlich verdammt intelligente Kuh!

Es gibt Tage, da habe ich auch vom Leben die Schnauze voll, aber ich muss das nicht in Worte gießen und jedem vom anderen Geschlecht, der mir über den Weg läuft, an die Rübe knallen. Mein Kopf meinte zwar, es ginge mich nichts an, wie sie über Männer dachte, aber mein Bauch setzte sich durch. Wenn ich schon zu einer entrechteten Minderheit gehörte, sollte meine Stimme nicht ungehört verhallen.

Ich wickelte eine rote Schleife um meine Wut, steckte sie in einen elektronischen Umschlag und schickte sie ihr. „Deine Spielgefährten tun mir leid. Eine Nacht mit dir ist bestimmt ein unvergessliches Erlebnis. Trägst du dann Lack und Leder oder eine Rüstung?“

Was auch immer mich an ihrem Profil so wütend gemacht haben mochte, ich war es los und es ging mir besser. Ich grinste. Sie würde nicht antworten.

Eine Stunde später klopfte eine Clubmail von ihr. „Ich trage lieber Seide auf meiner nackten Haut. Warum schaust du es dir nicht mal an?“

Fünfzehn Worte, ein Fragezeichen, keine Anrede, kein Nachsatz und eine Telefonnummer. Erwartet hatte ich Schweigen. Bekommen hatte ich eine Provokation und mir verging das Grinsen. Noch einmal las ich mir das Profil der Eisprinzessin durch, Wort für Wort, Satz für Satz. Diese Frau wirkte so entspannt wie Juri Gagarin zehn Sekunden vor seinem Start zur ersten Erdumkreisung – Ruhepuls bei einhundertachtzig.

Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil, und nach dieser Antwort durfte ich ihr nicht das letzte Wort lassen. In der Mail war eine Handynummer und das hieß, sie wollte eine kurze Antwort. Die sollte sie bekommen. „InterCityHotel Schwerin, 21:00. Ruf zehn Minuten vorher an. Ich erkenne dich an Businessoutfit mit engem Rock und Bluse. Schwarze Nylons mit Naht und High Heels sind ein Muss.“

Der Boss in diesem Spiel war ich. Von Wismar bis Schwerin benötigte die Eisprinzessin mit dem Auto dreißig Minuten. Anziehen und zurecht machen für ein Date schafft eine Frau nicht in einer halben Stunde, schon gar nicht, wenn sie meine ziemlich überzogenen Vorgaben ernst nahm, was ich ohnehin nicht glaubte. Sie würden mir den Grund liefern, sie sitzen zu lassen, wenn sie wider Erwarten doch auftauchen sollte. Aber wahrscheinlich wusste sie nicht einmal, dass es so etwas wie Nylonstrümpfe mit Naht gab, geschweige denn, dass sie sie im Kleiderschrank irgendwo unter ihren Wollsocken liegen hatte.

[/nextpage]
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1. 1
  • 2. 1
  • 3. 1
  • 4. 1
  • 5. 1
  • 6. 1
  • 7. 1
  • 8. 1
  • 9. 1

Schlagwörter: , , , , , ,

Veröffentlicht11. April 2016 von rsonnberg in Kategorie "erotisch", "Kurzgeschichten", "nachdenklich

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.