April 8 2016

Die weißen Hexen von Börgerende-Rethwisch

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steinfrau       Wenn Aelita sich aus einem ihrer langen Röcke schälte, die ihn immer ein wenig an eine Zigeunerin erinnerten, kam darunter der makellose Körper eines jungen Mädchens zum Vorschein. Auch ihr schmales Gesicht mit den viel zu großen, rehbraunen, immer wie erstaunt blickenden Augen und den langen schwarzen Haaren furchte trotz ihrer vierzig Jahre nicht die geringste Falte. Es war, als würde die Zeit einen Bogen um sie machen.

Doch was sie mit diesem fast androgynen Körper mit den kaum vorhandenen Brüsten und dem winzigen Becken tun konnte, war alles andere als kleinmädchenhaft. Mit ihr zu schlafen war wie Sex von einem anderen Stern. Nein, eigentlich war es kein Sex, es war fast schon so etwas wie eine spirituelle Erfahrung und jeden anderen Mann hätte sie süchtig nach dieser Frau und ihrer Liebe gemacht.

Er schaute sie nur an und schon meldete sich trotz der bitteren Enttäuschung wieder das Begehren zwischen seinen Schenkeln. Unwirsch schob er es zur Seite und fragte sie wütend: „Warum nicht?“

Sie sah ihn über den Küchentisch hinweg so ruhig an, als würde sie den tobenden Zorn in ihm nicht spüren und antwortete leise: „Weil ich dich liebe. Erst macht es dich süchtig, und dann bringt es dich um.“

Ein halbes Jahr lang hatte er wie nichts sonst auf diesen ersten Satz gewartet. Seine Seele hätte er dafür gegeben. Aber nicht mehr jetzt. „Ganz mieses Timing. ‚Liebe‘ ist deine Antwort auf alle Probleme, doch sie bringt mir kein Geld auf die Firmenkonten und macht uns nicht satt. Ich bringe es dorthin, wenn ich nur noch eine Woche durchhalte. Du bist Arzthelferin, du kannst mir das Medikament besorgen. Also tu es, verdammt noch mal! Für uns!“

Er hatte viel zu laut gesprochen, zum ersten Mal in den sechs Monaten, seit sie bei ihm eingezogen war und es machte ihn nur noch wütender.

Sanft sagte sie: „Nein. Und fluche bitte nicht.“

Niemals in den vergangenen sechs Monaten ihres Zusammenlebens war Aelita laut geworden, stets hatte sie ruhig und besonnen mit ihm geredet und sich durch nichts aus der Ruhe bringen lassen. So war sie zum Hafen im Auge seines Lebenssturms geworden, in dem er immer wieder hatte einlaufen können. Doch jetzt tobte ein Orkan und er brauchte mehr als eine sichere Zuflucht. Und vor allem brauchte er nicht ihren ewigen Sanftmut, an dem alles, was er ihr entgegenwarf, abprallte wie die Zeit von ihrer Samthaut.

Er sprang auf, stützte die Hände auf die Tischplatte und brüllte: „Ich fluche, wenn mir danach ist. Für wen schufte ich denn bis zum Umfallen? Doch nicht für mich, sondern für uns, für unser Glück! Aber das kapierst du blöde Kuh einfach nicht!“

Der Stuhl hinter ihm polterte zu Boden. Ohne es zu beachten, ging er mit schweren Schritten zur Tür.

Sie sagte in seinem Rücken: „Für Glück brauchen wir kein Geld. Glück ist das billigste auf der Welt, was es gibt. Es will nur gefunden werden und nirgendwo anders als in dir selbst. Nicht einmal mich hättest du dazu gebraucht.“

Mit den gleichen Worten hatte ihre erste Nacht geendet und damals hätte er ihr fast geglaubt. Damals. Er drehte sich noch einmal um. „Ist das alles, was du mir zu sagen hast?“

Sie rührte sich nicht und auch ihr schmales Gesicht war ruhig und beherrscht, wie er es nie anders bei ihr erlebt hatte. Außer in ihren Nächten, wenn es vor wilder Leidenschaft glühte und ein überirdisches Feuer in ihr zu brennen schien. Sie schaute ihm viel zu lange in die Augen, und wie immer, wenn sie das tat, hasste er sie dafür. Es gab etwas in ihrem Blick, dem er nichts entgegenzusetzen hatte, ja, das sogar verhinderte, dass er die Augen senkte.

Als er schon glaubte, sie würde gar nicht mehr antworten, sagte sie mit einem seltsamen Singsang in der Stimme und starr auf ihn gerichtetem Blick: „Zuerst wirst du denken, du hättest Halluzinationen.“

„Wie bitte?“

„In wenigen Stunden wirst du Dinge sehen, riechen, schmecken und Geräusche hören. Und du wirst zu wissen glauben, dass sie nicht real sind. Doch sie werden es sein. Dann werden dich schwere Muskelkrämpfe quälen, zuerst in der linken Hand und dann im ganzen Arm.“

Jetzt verstand er. Sie meinte die Wirkung des Aufputschmittels, das ihm sein Arzt nicht mehr hatte verschreiben wollen. Er höhnte: „Kommt noch mehr?“

Sie sprach wieder mit ihrer normalen Stimme: „Natürlich. Dein Herz wird aussetzen und dann wirst du sterben.“

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Veröffentlicht8. April 2016 von rsonnberg in Kategorie "abenteuerlich", "gruselig", "Kurzgeschichten", "nachdenklich

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