Februar 23 2016

Domina anonyma

1

Shoppinglust statt Einkaufsfrust

pixabay_domina_anonyma_raster

„Mühsam drehe ich den Kopf zur Seite und ich sehe die Schneekönigin mit der Grazie einer Tigerin neben mir stehen. Sie verströmt dabei einen animalischen Duft und die Lust in ihrem Blick blendet mich. Wie eine Schlange schießt die Zunge aus ihrem Mund hervor, als sie auf mich herab schaut. Blasses Rosa befeuchtet rote Lippen. Es sind die Lippen, nach denen da Vinci das Lächeln Mona Lisas gemalt hat. Ich kenne diese Frau. Jeder kennt sie. Sie ist Hure und Heilige, Sünde und Unschuld, Katarina die Große, Jean d’ Arc, Hera und Aphrodite, aber auch Medusa, Persephone und Pandora. Sie ist Gaija, unser aller Mutter. Sie schaut auf mich nieder, überlegend, nachdenklich und ihre Augen sind wie schwarze Teiche. Ihr Blick mustert meinen nackten Körper, gleitet unter meine Haut und ich werde geprüft bis in meine tiefste Seele.“


 

Als hätte ein Bildhauer der Skulptur eines voll austrainierten Boxers Brüste modelliert, Leben eingehaucht und sie auf die Männerwelt losgelassen – das ist Sabrina. Genauso bewegte sie sich auch durch die Menschenmenge, die an diesem Freitagnachmittag den Schweriner Marienplatz verstopfte. Zum Feierabend nimmt das chaotische Ausmaße an und wer sich dann hier verabredet, riskiert immer eine Verspätung. Es sei denn, er ist mit meiner Freundin verabredet. Zehn Zentimeter hohe Absätze plus ein Meter achtzig Körpergröße machen Orientierungsschwierigkeiten zu einem Fremdwort für sie und so fand Sabrina mich eher als ich sie.

Mit dem strengen Knoten, in den sie ihre langen blonden Haare immer zwang, und den fest zusammengepressten, vollen Lippen würde sie mit ihrer Figur die Zierde in jedem Sadomasoschuppen sein. Dazu noch eng anliegendes, schwarzes Leder, ein paar Ketten an den richtigen Stellen und eine Peitsche in den kräftigen Händen – fertig wäre die perfekte Domina.

Ich grinste in mich hinein. So konnte der erste Eindruck täuschen. Sabrina hatte am Tage zwar das Temperament eines hochgezüchteten Rennpferdes, aber in der Nacht lag sie lieber unten und ließ alles mit sich geschehen. Nur manchmal, wenn wir danach verschwitzt, aber entspannt nebeneinanderlagen, war da etwas in ihren Augen, was ich nicht deuten konnte. Als gäbe es tief in ihr noch etwas, was weit entfernt war von ihrer Sanftheit. Etwas, das genau dem Eindruck entsprach, den jeder, der sie das erste Mal sah, von ihr hatte. Etwas Wildes, Gefährliches, das nur auf den richtigen Augenblick wartete.

»Na, noch Energie für ein bisschen Shopping?«

Es war keine Frage, denn ihre Lippen auf meinem Mund erstickten meine Erwiderung, und als ich dann hätte antworten können, befand ich mich schon im festen Griff ihrer Hand und auf dem Weg zum Schlossparkcenter.

Der Marienplatz in Schwerin hat viel Historisches zu bieten. Weder die DDR-Machthaber noch die Marktwirtschaft haben ihm alles davon nehmen können. So ist er heute nicht nur ein zentraler Verkehrsknotenpunkt, sondern auch eine Erinnerung an die Zeit, als hier noch Pferdekutschen auf ihre Fahrgäste warteten. Einige alte Fassaden sind renoviert erhalten geblieben und auch die Shoppingmeile versteckt sich gekonnt zwischen Gebäuden aus dem achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert. Wer aus einer der drei Straßenbahnlinien aussteigt, die sich hier kreuzen, hat die Wahl. Hundert Schritte sind es in die historische Altstadt mit ihren Läden oder fünfzig Meter bis in ein modernes Shoppingcenter. In Letzteres bahnte sich Sabrina jetzt den Weg durch die Menschenmenge mit mir. Eine Mischung aus Schweiß, Kindergeschrei und Werbedurchsagen schlug uns entgegen wie eine heiße Welle. Die Märzsonne brannte schon den ganzen Tag durch die staubverschmierte Glaskuppel über dem Schlossparkcenter, und seit dem späten Morgen hatte sich Welle auf Welle anonymer Massen durch die engen drei Etagen des Shoppingcenters gewälzt.

Gekonnt gab Sabrina ihrer Stimme einen schmachtenden Klang, aber wir waren schon zu lange zusammen, als dass ich darauf hereingefallen wäre. »Wie viel Zeit habe ich?«

Ich kannte sie gut genug, um zu wissen, dass sie irgendwelche Zeitvorgaben von mir nicht interessierten. »Du meinst, wie viel auf der Karte drauf ist?«

»Spielverderber!«

Sie verzog ihre roten Lippen zu einem Schmollmund und ich grinste. »Hau schon ab und kauf dir auch mal was Hübsches.«

Dumm, da hatte ich mich gerade auf dem Silberteller serviert. Sabrina wäre nicht sie gewesen, hätte ich jetzt nicht gleich die volle Breitseite bekommen. Und richtig.

»Du meinst was Schönes, so zum Spielen, für heute Abend?«

Ihre Augen glitzerten spöttisch und ich stöhnte. Der Freitagabend ist der Moment, auf den ein Mann sich ab einem gewissen Alter freut – um endlich Ruhe zu haben und sich zu erholen vom Arbeitstress. Allerdings hätte ich mir dafür eine andere Frau suchen sollen.

[/nextpage]
  • Inhaltsverzeichnis
  • 1. 1
  • 2. 1
  • 3. 1
  • 4. 1
  • 5. 1

Schlagwörter: , , , , ,

Veröffentlicht23. Februar 2016 von rsonnberg in Kategorie "erotisch", "Kurzgeschichten", "nachdenklich

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.