Februar 23 2016

Das Herz der Sterne

sternenherz

Zufrieden und ermattet lag Christian auf dem Rücken. Er fühlte die Wärme Marinas neben sich und noch etwas, für das er keinen Namen hatte. Es füllte das Schlafzimmer mit einem Nebel aus Gefühlen und Gerüchen, der Moschusduft ihrer Haut war darunter, ebenso wie das in seinen Gedanken nachhallende Echo ihrer Lustschreie und die Gewissheit, dass Marina nie mehr fortgehen würde. Er verzog die Lippen zu einem stillen Lächeln. Es waren die Hormone, die noch in seinem Blut unterwegs waren und ihn Dinge sehen und fühlen ließen, nur weil er sie sich wünschte. Niemand kann in die Zukunft schauen.

Er drehte sich vorsichtig zur Seite und genoss den Ausblick durch das zimmerhohe Fenster auf den Ziegelsee. Das Wasser reflektierte den Lichterschein der nächtlichen Schweriner Innenstadt und malte lustige Kringel aus Licht und Schatten an die Wände des Schlafzimmers. „Du wohnst schön hier“, flüsterte er.

Die Antwort von Marina bestand aus einem Schnurren, um das sie jede Katze beneidet hätte. Christian rollte sich wieder herum und ließ seinen Blick über ihren Körper schweifen. Sie atmete noch immer heftig, der Schweiß ließ ihre Haut glänzen, als wäre sie aus Silber und als der Mond einen vorwitzigen Strahl sandte, blitzte in seinem Licht etwas zwischen Marinas nackten Brüsten auf.

„Das ist ein Sternenherz.“ Auch sie flüsterte.

„Ich habe doch nichts gefragt.“ Er hatte noch immer Testosteron im Blut und es machte seine Stimme rau.

„Doch hast du. Ich kann dich hören, auch wenn du nichts sagst. Schon vergessen?“

„Also gibt es doch die sprechende Stille?“

Statt einer Antwort gab sie ihm einen langen Kuss und hauchte: „Zwischen uns? Ja!“ Dann lachte sie leise. „Ja, ich erzähle dir ihre Geschichte, du neugieriger Teddybär. Es ist eine uralte Legende.“

Sie kuschelte sich in seinen Arm und er schloss die Augen.

„Meine Ururgroßeltern waren Yupik, das sind Verwandte der Eskimos, und sie siedelten am Kap Deschnjow. Es ist hart dort in der Kälte der Polarregion und sie lebten nur von dem, was die Natur ihnen gab. Mein Ururgroßvater Tikaani liebte meine Ururgroßmutter Ahala über alles, und jedes Mal, wenn er zum Fischen aufs Meer hinausfuhr, dachte er nur an die Heimkehr zu seiner geliebten Frau. Dann kam ein böser Winter, in dem das Volk der Yupik großen Hunger litt. Die Natur war knauserig gewesen mit ihren Gaben und darunter litten nicht nur die Menschen, sondern auch die Tiere.

In der Nacht, in der meine Urgroßmutter Mauja geboren wurde, brannte der Himmel über Kap Deschnjow. Nordlicht war nichts Ungewöhnliches, aber in jener Nacht war es von so unglaublicher Intensität, wie mein Volk es nie zuvor erlebt hatte. Die Ältesten traten zusammen und beratschlagten. Am nächsten Morgen verboten sie allen, auf das Meer zum Fischfang hinaus zu fahren. Sie sagten, ein Stern sei vom Himmel auf die Erde gefallen und hätte böse Geister ausgespien, die den Geist der Menschen und der Tiere verwirrten.

Meine Ururgroßeltern hatten schon vor der Geburt Maujas hungern müssen und das Verbot traf sie hart, aber Tikaani hielt sich an den Befehl der Ältesten. Zwei Tage später war Ahala, die schon bei der Geburt ihrer Tochter nur knapp dem Tode entronnen war, so geschwächt, dass sie keine Milch mehr für Mauja hatte. Tikaani war verzweifelt und beschloss, auf Fischfang zu gehen, obwohl er wusste, dass er dafür aus dem Dorf verjagt werden konnte. Er küsste seine Frau zum Abschied und ging über das Eis auf das Meer hinaus, um in einem Eisloch Fische zu fangen. Viele Stunden musste er laufen, bis er eine offene Stelle fand und es wurde später Abend, bis er mit seinem Fang heimkehrte.

Die Ältesten warteten bereits auf ihn, aber nicht um ihn zu bestrafen, weil er das Verbot übertreten hatte, sondern um ihn zu trösten. In seiner Abwesenheit hatte der Hunger einen Eisbären getrieben, in die Siedlung einzudringen und nach Nahrung zu suchen. Bevor die Männer ihn verjagen konnten, hatte er Ahala, die zu dem Zeitpunkt ihre Notdurft verrichtete hatte, getötet.

Tikaani gab sich die Schuld dafür. Wäre er zu Hause gewesen, so hätte das Unglück nicht passieren können und er fühlte sich, als hätte er selbst seine geliebte Ahala getötet. Auch die Ältesten waren nicht in der Lage, es ihm auszureden. Da er seine Tochter Mauja bei ihnen in besseren Händen wusste, als seine es jemals sein würden, wanderte er wieder auf das Meer hinaus. Stunde um Stunde, bis ihn seine Füße nicht mehr trugen. Als er eine Höhle fand, die aufragende Eisschollen gebildet hatten, setzte er sich nieder, um dort zu sterben. Seine Frau war ihm genommen worden und ohne sie wollte er nicht mehr leben.

In den nächsten Stunden fraß sich die Kälte in seinen Körper, das Fieber kam und er wusste, dass er den nächsten Morgen nicht mehr erleben würde. Er schloss die Augen und wollte sie nie mehr öffnen. Plötzlich knirschten Schritte im Schnee, zarte Arme umschlangen ihn, ein warmer Körper drängte sich an ihn und schützte ihn vor der tödlichen Kälte.

Tikaani riss die Augen auf, doch die Dunkelheit in der Höhle war so tief, dass er nichts erkennen konnte. Dann erklang eine Stimme an seinem Ohr und Takaani verstand, dass es nur seine Fieberträume waren, die ihm seine Frau Ahala vorgaukelten.

„Warum bist du hier?“, hörte er sie fragen.

„Ich habe deine Liebe gegen meine Schuld getauscht“, sagte er und sie schüttelte missbilligend den Kopf.

„Dein Leben gehört nicht dir. Es gehört unserer Tochter, und wenn du es wegwirfst, habe ich den falschen Mann geliebt.“

„Aber ohne dich ist die Welt so dunkel,“ antwortete er.

„Dann mache ich sie dir wieder hell“, sagte Ahala und er hörte ein Lächeln in ihrer Stimme. Sie hängte ihm eine Kette um den Hals. „Es ist ein Sternenherz. Es wird dir dein Leben erhellen, und wenn du dereinst gehen musst, dann wird sie unsere Tochter tragen und nach ihr ihre Tochter. Sie alle werden den Menschen wiedersehen, den sie lieben, wenn sie einmal von ihm getrennt werden. Genau, wie auch du mir wiederbegegnen wirst. Früher, als du glaubst.“

Sie umarmte meinen Ururgroßvater noch einmal fest und ging wieder hinaus ins silberne Mondlicht. Barfuß, nur mit ihrem dünnen Robbenfellkleid bekleidet, hinein in die tödliche Kälte und verschwand, als wäre sie nie da gewesen. Mein Ururgroßvater schlief ein, und als er am nächsten Morgen aus seinem Fiebertraum erwachte, ging er nach Hause und wurde seiner Tochter ein guter Vater.“

Christian brummte: „Er hätte entweder erfroren oder total entkräftet sein müssen.“

Marina legte ihm ihre duftende Hand auf den Mund. „Psst. Es ist doch nur eine Legende, du unromantischer Bär.“

Sie lachte leise, dann fuhr sie fort: „Natürlich fand Tikaani den bösen Eisbären und ebenso natürlich tötete er ihn. Er wurde ein guter Vater und irgendwann Ältester. Aber einmal in jedem Jahr, an dem gleichen Tag, an dem Ahala gestorben war, wanderte er immer aufs Meer hinaus, und wenn er am nächsten Morgen zurückkehrte, strahlten seine Augen vor Glück. Er wurde irgendwann zu alt, um noch aufs Meer hinauszugehen und wollte die Kette Mauja schenken, aber sie ließ sich nicht öffnen und nichts und niemand konnte sie von seinem Hals lösen. Erst als er starb, öffnete sich das Sternenherz von selbst und Mauja konnte es anlegen. Und nach ihr meine Großmutter und meine Mutter.“

„Komische Legende. Irgendwie gibt es doch bei sowas immer eine Lehre, die man daraus ziehen kann.“

Wieder erklang Marinas Lachen in der Dunkelheit. „Vielleicht erkennst du sie nur nicht?“

„Hm, vielleicht.“ Aus Christians Ermattung war Müdigkeit geworden, aber seine Neugier meldete sich. „Kann ich sie mal sehen?“

„Natürlich, wenn du sie öffnen kannst?“

„Streif sie doch einfach über den Hals.“

„Das geht doch nicht, Dummerchen. Dafür ist sie zu eng. Öffne sie.“

Grummelnd drehte Christian sich zur Seite und tastete nach dem Lichtschalter. Marina hatte sich ein wenig aufgerichtet und er betrachte die Kette aufmerksam. Sie sah alt aus und doch gleichzeitig, als hätte Marina sie gestern erst gekauft. „Sieht aus wie Silber, aber ich habe noch nie Glieder mit so einer seltsamen Form gesehen.“

Er suchte an ihrem zarten Hals nach einem Verschluss in der Kette, aber er fand ihn nicht. Glied für Glied bildete eine makellose Reihe ohne jedwede Erhebung oder Unterbrechung. Stirnrunzelnd blickte er Marina an. „Wo ist der Trick?“
„Kein Trick.“ Marina lächelte nicht mehr.

(C) RHCSo 2014


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Veröffentlicht23. Februar 2016 von rsonnberg in Kategorie "Popcornkino

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