Februar 21 2016

Aus dem Tagebuch eines Terrorristen

bombeAus dem Tagebuch eines Terrorristen
11. Juni 2019

Ich benötige beide Hände, um die Tasse zu halten. Trotzdem schwappt mir der heiße Kaffee auf die Haut und die schwarzen Krümel hinterlassen eine brennende Spur auf meinem Handrücken. Es ist türkischer Kaffee, jede Bohne davon habe ich selbst gemahlen, dann in die Tasse gefüllt und mit kochendem Wasser übergossen. Schon das ist ein Sakrileg. Eines mehr auf der langen Liste meiner Wirtschaftsverbrechen, auf der das Nichtbenutzen einer kommerziell beworbenen Kaffeemaschine sicher eines der kleineren Vergehen ist.

Ich blicke zum Fenster. Es ist eine automatische Bewegung, die aus einer Zeit stammt, als das Glas im Rahmen noch einen Blick auf lachende Menschen und grüne Bäume freigab. Bevor ein fünfzig Meter hohes Werbeplakat meine Wohnung in stetes Dämmerlicht tauchte, genau wie die Wohnungen des Blocks gegenüber und aller anderen Häuser in der Straße. Bevor ich den Stoff des Werbebanners zerschnitt, um wieder die Welt sehen zu können, wie sie ist und nicht, wie sie versprochen wird. Die Nachbarn haben für diesen Frevel das Glas zertrümmert. Die Fensterscheibe habe ich durch Pappe ersetzt, aber sie hält nur die Blicke fern, nicht das Gebrüll der wütenden Menge draußen.

Seit heute Morgen skandiert der Mob vor der Tür meinen Namen, einige haben Seile dabei, deren Enden zu einer Schlinge gebunden sind, groß genug für einen menschlichen Hals. »Asoziales Schwein« und »Konsumterrorist« höre ich und es sind noch die freundlicheren Rufe. Das Fernsehen ist da und zeichnet alles live auf. Ein paar Spaßvögel haben große Lautsprecher aufgestellt und so kann ich die von Werbeeinblendungen unterbrochene Direktübertragung aus dem Gerichtssaal mithören.

Müde blicke ich auf meine Hände. Ich sehe ihr Zittern und die Reste des Kaffees auf der faltigen Haut. Dabei begann alles so einfach. Ich bin Informatiker, und als im Jahr 2016 das Transatlantische Handelsabkommen unterzeichnet wurde, wusste ich, was kommen wird und schrieb mir ein kleines Programm für meinen Fernseher. Es sorgte dafür, dass er bei Werbeeinblendungen automatisch die Lautstärke reduzierte. Zugegeben, es nutzte nicht viel, denn ich musste die Werbung aus den Fernsehern meiner Nachbarn trotzdem hören. Das »Gesetz über die Sicherung von Arbeitsplätzen durch Konsum« von 2017 zwang alle Hersteller von Fernsehgeräten, eine Schaltung einzubauen, die die Lautstärke von Werbeeinblendungen auf mindestens 110 Dezibel, also die Lautstärke eines startenden Flugzeugs, anhob. Schon bald musste ich mit den scheelen Blicken der Nachbarn leben lernen. Aus meiner Wohnung hörten sie keine Werbespots und sie wussten genau, dass ich ihre Arbeitsplätze damit gefährdete. Sie zeigten mich an, aber noch war mein Programm kein Straftatbestand. Heute ist der Tag, an dem sich das ändert.

Urplötzlich wird es still draußen, dann brandet Beifallsgebrüll auf und ich weiß, dass es so weit ist. Der Richter verkündet sein Urteil. Ich verstehe nicht alles, nur die letzten Worte:

»… Es kann den Menschen nicht zugemutet werden, selbständig herauszufinden, was das Beste für sie ist. Ob es sich um die richtige Slipeinlage, das gesellschaftlich korrekte Deodorant oder den passenden Lebenspartner handelt – ohne Werbung wären die Menschen hilflos in einem Dschungel der kommerziellen Verführung. Die Gesetze des Marktes garantieren, dass nur die teuerste Werbung sich durchsetzt und dadurch die Menschen stets das teuerste – Verzeihung, ich meinte, dass beste Produkt, kaufen. Alles andere endet in Anarchie oder schlimmer noch, Kommunismus. Darum wird jede Behinderung, Vermeidung oder Unterbindung kommerzieller Werbung in der eigenen Wohnung mit Terrorismus gleichgesetzt. Kommerzielle Werbung ist nicht nur der Motor der Wirtschaft und sichert Arbeitsplätze, sondern auch Ausdruck des Willens des Volkes, seinen Beitrag zu einigen finanziell gesunden Europäern und vielen glücklichen Amerikanern zu leisten. Werbung dient der unabhängigen und objektiven Meinungsbildung und diese war dem Volk schon immer ein hohes Gut. Wer in seiner Wohnung Werbung unterbindet oder Beihilfe zur Unterbindung von Werbung leistet oder Werbung Unterbindende oder Beihilfe zur Unterbindung von Werbung Leistende nicht dem Volk anzeigt, wird mit Gefängnis nicht unter fünf Jahren bestraft. Außerdem wird ihm auf Lebenszeit das Recht entzogen, für seine Produkte zu werben, Werbung anderer zu genießen und er wird aus unserer sozialen Werbegemeinschaft ausgeschlossen. Im Namen des Volkes.«

Der erste Stein fliegt und auf einmal bin ich ganz ruhig. Meine Hände zittern nicht mehr. Das Krachen, mit dem meine Wohnungstür unter den wütenden Schlägen derjenigen, die für ihr Recht auf Werbung eintreten, zerbirst, nehme ich nur noch wie durch einen dicken Nebel wahr. Es war nicht nur türkischer Kaffee …

(C) RHCSo 2013


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Veröffentlicht21. Februar 2016 von rsonnberg in Kategorie "Kurzgeschichten", "nachdenklich

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