Februar 20 2016

Ich sammle Erinnerungen

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 Er ist ein Macher und hat alles im Griff – seine Baufirma, den Osten und seine Ehefrau. Bis zu dem Moment, an dem er der Frau im mitternachtsblauen Kostüm begegnet. Sie scheint eine leichte Beute, doch der Schein trügt. 

 

frau_rote_haareMeiner Energie ist niemand gewachsen. Das war schon immer so. Ein Geschenk meiner Eltern und ich bin nicht böse darüber. Dem bebrillten Oberamtsrat im Bauamt ließ ich sie heute Morgen mitten in sein wichtiges Gesicht springen – wieder einmal. Zwei Stunden Kampf, dessen Ausgang bereits vorher feststand, dann waren alle Verträge unterschrieben.

Mein Blick gleitet über die restaurierten Fassaden der alten Fachwerkhäuser am jenseitigen Ufer des Pfaffenteichs. Bald wird eine weitere hinzukommen – meine Energie, gegossen in Mörtel, geformt in Stein – etwas wird bleiben von mir in dieser Stadt. Wir haben es richtig gemacht damals, als wir ihnen den Soli gaben. Sie haben es richtig gemacht, als sie ihn uns in Form von Aufträgen zurückgaben und nicht nur ihre Ämter und Behörden ausbauten. Ich habe es richtig gemacht, als ich, wie so viele andere, auf den Osten gesetzt habe.

Ich mag die Menschen hier. Sie sind bescheiden bis anspruchslos, zuverlässig und fleißig. Gute Arbeiter. Ich habe einige von ihnen in meine Firma geholt und ihnen Arbeit gegeben. Und sie haben schöne Frauen, die auch noch zwanzig Jahre nach der Wende immer für eine Überraschung im Bett gut sind. Ihnen fehlt nur der Mut, es auch zu tun. Aber sie sind lernfähig. Wie Andrea.

Dreißig Jahre in der muffigen DDR, drei Jahre bis zur Chefsekretärin bei mir, drei Monate, um mir aufzufallen und drei Tage, bis sie begriffen hatte, wie sie die Dienstboten zu behandeln hatte und das Tennis und Golf wesentlich mehr Spaß machen als aus meinen Diktaten Geschäftsbriefe zu formen. Sie hat sich schnell eingefunden in die Rolle als Frau des Chefs. Jetzt genießt sie die beringte Freiheit, die ich ihr endlich geschenkt habe. Soll sie auch. Sie hat sie sich verdient, genau so wie ich mir ihr Mona-Lisa-Lächeln, wenn ich nach Hause komme. Doch nicht heute.

Heute ist wieder mein „Schwerin-Tag“. Erst die Geschäfte und dann das Vergnügen. Es ist kurz vor zwei und das Kaffee füllt sich langsam. Ein Insekt schwirrt an mir vorbei, mein Blick folgt ihm argwöhnisch, doch es ist keine Biene. Das Baugeschäft ist ein hartes Brot und ich habe viele Konkurrenten überlebt. Doch der winzige Stachel eines solchen geflügelten Monsters hätte vor Jahren fast das geschafft, was einige gerne hätten – mich zu töten. Zum Glück gab es damals bereits Notfallsets für Hyperallergiker wie mich. Verstohlen taste ich in meiner Brusttasche nach der Spritze.

Die Frau trägt ein mitternachtsblaues Kostüm, das gut genug geschnitten ist, um eine Figur, die einmal atemberaubend gewesen sein musste, zur Geltung zu bringen. Sie hält ihre Handtasche vor den Körper. Natürlich tut sie das. Es ist eine Schutzgeste, tief aus ihrem Unterbewusstsein. Sie ist unsicher und lässt ihren Blick unter gesenkten Wimpern durch den Raum wandern, er stockt eine Zehntelsekunde auf mir, dann entscheidet sie sich für einen freien Tisch, nicht weit entfernt. Es ist keine Überraschung, dass sie sich so setzt, dass sie mich beobachten kann.

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Veröffentlicht20. Februar 2016 von rsonnberg in Kategorie "Kurzgeschichten", "tödlich

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