Februar 20 2016

Luft wie süßes Blei

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 Ein traumhafter Sonnenuntergang an der Ostseeküste mutiert zu einer unheimlichen Begegnung der dritten Art. 

steinfrau
Ich saß auf meinem Lieblingsstein am Strand von Barth, ließ die Beine ins Wasser der Ostsee baumeln und mir kamen die Worte meiner Großmutter in den Sinn: „Du darfst niemals an den Strand gehen, wenn die Sonne blutrot das Wasser berührt und die Luft dir schwer wie Blei auf die Brust drückt.“

Meine Großmutter hatte mir niemals erklärt, warum ich das nicht tun durfte, aber ich erinnerte mich, dass sie an diesen Abenden im Mai und gegen Ende August immer mit besonderer Sorgfalt das Haus verschloss. Noch bei Tageslicht hatte sie die hölzernen Fensterläden zugeklappt und mit penibler Sorgfalt überprüft, dass alle Riegel in ihren Halterungen eingerastet waren. Als hätte sie Angst gehabt, dass etwas Böses dem Meer entsteigen und in unser Haus eindringen könnte.

Mit jedem Einatmen sog ich Luft in meine Lungen, die wie süßes Blei mit einer Beimischung von ein wenig Meeressalz schmeckte. Diesen Duft gibt es nur hier an der Ostsee und nur an einigen wenigen, ganz besonderen Abenden im Jahr. Er erinnert mich daran, dass manche Gefühle nicht nur eine Farbe, sondern auch einen Geschmack und einen Geruch besitzen. Vielleicht komme ich deswegen immer am Todestag meiner Großmutter hierher.

Wenn sie auch lange schon gestorben war, so lebten ihre Geschichten doch in uns fort und ich hörte noch immer ihre rauchige Stimme, mit der sie uns den Untergang von Vineta immer und immer wieder erzählt hatte.

Der Felsen unter meinem Po sendete in Wärme transformierte Sonnenstrahlen durch mein Rückgrat an mein Gehirn und mein Herz hätte sie wieder in Licht verwandeln können, aber es schwieg, schon seit langem, und mein Verstand besaß keine Rezeptoren, um die Temperaturunterschiede wieder in Gefühl umzuwandeln.

Der Rand der blutrot untergehenden Sonne neigte sich den Fluten der Ostsee entgegen, und obwohl mir nicht danach war, musste ich lächeln, als ich an die Worte meine Großmutter dachte. Vor welcher uralten Legende sie wohl Angst gehabt hatte? Sie hatte es immer verstanden, uns Kindern Furcht vor dem Unbekannten einzujagen.

Das laute Gezänk der Vögel über mir verstummte so plötzlich, als hätte jemand gebrüllt: „Achtung! Gefahr!“ Ich wandte meinen Blick, mit dem ich bis eben noch die wie flüssiges Silber glänzende Oberfläche des Meeres beobachtet hatte, nach oben. Die Raubmöwen stoben in alle Richtungen davon und ließen mich allein am menschenleeren Strand zurück.

Mit einem Schulterzucken nahm ich es zur Kenntnis. Ich wollte die Ruhe und den Sonnenuntergang genießen, aber etwas stimmte nicht, etwas war nicht so, wie es sein sollte. Wo waren die Strandspaziergänger mit ihren Hunden? Die Fischerboote auf dem Meer, die jetzt hätten wieder mit ihrem Fang zurückkehren müssen? Die fliehenden Vögel, das Fehlen jeder lebenden Seele und das von keiner Welle gekräuselte Wasser – etwas lag in der Luft, undefinierbar, nicht greifbar und doch so präsent, dass mir ein Schauder den Rücken hinunterlief.

Ich rief mich zur Ordnung, schließlich war ich ein aufgeklärter Mensch. Ich lebte im reichen Rostock, war ein studierter Medicus und über die Märchen meiner Großmutter erhaben. Wenn ich einmal im Jahr aus der einen Tagesritt entfernten Hansestadt die Beschwerlichkeit auf mich nahm, um dem Todestag meiner Großmutter zu gedenken, dann bestimmt nicht, um mich von ihren Märchen aus der Ruhe bringen zu lassen.

Der lodernde Feuerball berührte fast den Horizont, senkte sich langsam ins Meer und urplötzlich wusste ich – wenn er das Wasser berührte, würde etwas Unglaubliches geschehen. Die Dunkelheit würde heraufziehen und mit ihr das, wovor die Vögel voller Panik geflohen waren und meine Großmutter mich gewarnt hatte. Ich verkrampfte mich, Panik stieg in mir auf und ich glaubte die Stimme meiner Großmutter zu hören: „Flieh, lauf weg, bevor es zu spät ist!“

Der Sonnenrand berührte das Wasser, ich presste die Luft in meinen Lungen zusammen – und nichts geschah. Ohne Laut, wie in Zeitlupe, versank die Sonne im Meer, die Dämmerung zog herauf mit ihr, und ein leichter Wind, der mir Kälteschauer über meine nackten Arme schickte.

Ich schüttelte meinen Kopf und machte mich bereit, zu gehen. Ich lebte im vierzehnten Jahrhundert, und die Zeit der Legenden und der Ungeheuer – wenn es sie denn einmal gegeben hatte – war längst vorbei. Doch ich wusste, dass dieses schmerzvolle Sehnen, dieses Ziehen in der Brust bleiben und mich wieder hierher treiben würde, im nächsten Jahr, an diesem besonderen Abend, wenn die Luft wie süßes Blei schmeckte, mit einer Beimischung von ein wenig Meeressalz. [/nextpage]

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Veröffentlicht20. Februar 2016 von rsonnberg in Kategorie "Kurzgeschichten", "nachdenklich

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