Februar 19 2016

Salute Gaucho!

 

pferd

Ein Sonntagsausritt in die Berge Andalusiens bringt Pferd und Reiter in tödliche Gefahr.


 

Noch immer gibt es diese Nächte, in denen mich panische Todesangst aus dem Schlaf reißt. Meine Schenkel sind dann so klatschnass von Angstschweiß, dass ich sie mit einem Handtuch abtrocknen muss. Ich gieße mir dann immer mit zitternden Händen ein Glas Wasser ein, gehe auf den Balkon, schaue in die Sterne und hebe es zu einem „Salut“ gen Himmel. Irgendwo da oben gibt es den „Pferdekopfnebel“ und wenn es ein Paradies für Pferde gibt, dann sind zwei von den blinkenden Sternen darin die funkelnden Augen von Gaucho. Und wie damals bin ich mir nie sicher, ob dieses Funkeln nur Spott ist oder der Ausdruck seiner Liebe, die ich fast zu spät verstanden hatte. Doch das Zittern meiner Hände verschwindet und ich weiß dann, dass er mich gesehen und verstanden hat. Wie damals. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen.

Das Jahr zweitausend war mein schönstes schlimmes Jahr. Ich war nach Andalusien ausgewandert, um niemals mehr zurückzukehren. Dann, nach einigen Monaten zu vielen blauen Himmels und heißer Sonne, schlug die Depression wieder zu. Ich hielt es zuerst für Heimweh, doch je mehr ich die Menschen floh und die Nähe der Tiere auf der Finca suchte, um so mehr begriff ich, dass ich meiner Krankheit nicht hatte davonlaufen können.

Wir besaßenzwei Pferde, eine sanfte weiße Araberstute und einen kleinen grauen, widerspenstigen Cartujano, der immer den Schalk im Nacken hatte. Wenn er Lust darauf hatte, konnte ihn eine weißen Plastetüte auf dem Weg so sehr erschrecken, dass er auf die Hinterbeine stieg. Allerdings verriet er sich hinterher immer selbst, wenn er sich seinen Hals nach dem im Staub gelandeten Reiter verrenkte und wieherte, als hätte er einen richtig guten Witz gemacht.  Ich fand es weniger lustig, mir fast den Arm zu brechen beim Sturz und dafür von dem blöden Gaul auch noch ausgelacht zu werden. Nach meinem zweiten unrühmlichen Abgang hielt ich mich lieber an die sanftäugige Stute. Bis zu dem Tag, an dem ich mich mit Alfred stritt.

Ich weiß heute nicht mehr, worum es ging, nur noch, dass ich aus dem Haus und zu den Pferden lief, ausgerechnet Gaucho, den ich seit Wochen nicht mehr geritten hatte, eine Decke und das Zaumzeug überwarf und mit ihm fortritt, hinein in die Berge.

Zu Anfang fiel mir nicht auf, dass Gaucho viel ruhiger dahinschritt, als ich es bisher mit ihm erlebt hatte. Meistens hatte er schon Sperenzchen gemacht, wenn ich ihm die Decke übergelegt hatte. Nicht so diesmal. Im Gegenteil, ruhig und gleichmäßig trabte er unter mir dahin und nur manchmal drehte er seinen Kopf und sah mich mit einem Auge an, so, als wollte er sich vergewissern, dass es mir gut geht. Es ging mir nicht gut, ganz im Gegenteil, doch Pferde sind keine Menschen, die so etwas prüfen und daraus Schlussfolgerungen ableiten könnten. Dachte ich und ahnte nicht, wie sehr ich mich täuschen sollte. Ich lenkte ihn in eine Gegend, in der ich noch nie geritten war. Hauptsache, sie war weit genug weg von irgendwelchen Menschen und so erreichten wir irgendwann einen schmalen Bergpfad. Nach einigen hundert Metern verengte sich der Pfad, links begann eine Schlucht und rechts reckte sich eine Felswand in die Höhe. Gaucho wurde unruhig, blieb nach wenigen Schritten stehen und drehte seinen Kopf zu mir. Diesmal war ich es, der ihn verspottete: „Was ist? Hast du Angst vor einem Bergpfad, du blöder Gaul?“, fragte ich ihn und stieß ihm meine Fersen in die Seite.

Widerwillig, das spürte ich, setzte er sich in Bewegung und trabte mit mir auf seinem Rücken den gewundenen Bergpfad entlang. Als hätte ein Riese mit einer gewaltigen Axt eine Kerbe in den Fels geschlagen, wand sich der Weg an der Flanke des Berges entlang. Links, nur einen halben Meter neben mir, ging es einhundert Meter steil bergab, doch ich spürte keine Angst. Gauchos ruhiger Gang hatte etwas Beruhigendes und ich genoss jeden seiner Schritte. Es gab nur ihn und mich unter einem unglaublich blauen Himmel, jeder meiner Atemzüge füllte meine Lunge mit Luft von solcher Reinheit, dass sie wie eine Droge wirkte und ich erinnere mich, dass ich weinte vor Glück, von dem ich nicht wusste, wo es auf einmal herkam.

Plötzlich blieb Gaucho stehen, ich erwachte wie aus einem Traum und begriff nur langsam, was geschehen war. Wir waren um eine Biegung gekommen und hätte Gaucho nur noch einen Schritt mehr gemacht, wären wir in die Tiefe gestürzt, denn der Pfad endete plötzlich wie abgeschnitten. Die Schlucht zu meiner Linken machte hier fast einen Neunzig-Grad-Knick, und das hatte ich nicht sehen können. Vor mir und links ging es senkrecht in die Tiefe und rechts erhob sich mehr als dreißig Meter hoch eine mit dürrem Gesträuch bewachsene Felswand, die ich selbst auf allen Vieren nur schwer hätte erklimmen können. Der Pfad, auf dem wir standen, war so schmal, dass ich nicht einmal hätte absteigen können, ohne in die Tiefe zu stürzen. Es dauerte eine geraume Weile, bis ich es begriff: Ich war tot!

Ein Pferd kann mit einem geübten Reiter rückwärts gehen, doch nicht auf einem nur fünfzig Zentimeter breiten Felsgrat um drei Biegungen herum. Und ein geübter Reiter war ich schon gar nicht. Sicher gab es etwas in mir, über das ich nie nachgedacht hatte und dass mich dazu brachte, dass Tier unter mir wie mich selbst zu fühlen und mich ihm anzupassen, als sei ich ein Teil von ihm. Damals wusste ich nicht, dass es eine Gabe ist, um die mich viele Reiter beneiden. Ich wusste gar nichts damals.

Vielleicht hätte ich auf Gauchos Rücken steigen und von da den Versuch wagen können, die rechte Felswand hinaufzuklimmen. Doch ich hatte nur diesen einen unsicheren Versuch, und wenn er misslang, würde ich in die Tiefe stürzen und Gaucho mitreißen. Gelang er, würde ich Gaucho zurücklassen und niemand konnte ihn hier retten.

Es ist dieser Moment des Begreifens, der mich nachts aus dem Schlaf reißt. Dieser Moment, an dem ich verstand, dass ich wahrscheinlich, das Pferd aber ganz sicher sterben muss und die Panik von damals wieder gleich einer riesigen Welle über mich hereinbricht.

Gaucho drehte seinen Kopf zu mir und jeder Spott war aus seinem Auge verschwunden. Er schnaubte leise und ich glaube, ich sagte irgendetwas zu ihm, an das ich mich nicht mehr erinnern kann. Es war nicht wichtig. Wichtig war dieses Auge, dass auf einmal groß wurde und zu funkeln begann, seine Rückenmuskeln spannten sich und er wieherte so laut, dass es von den Felswänden widerhallte. Plötzlich schlug er nach hinten aus, so dass ich nach vorne fiel und seinen Hals umklammern musste, dann bäumte er sich vorne auf und machte auf seinen Hinterhufen eine wilde Vierteldrehung. Wir beide schwebten über dem bodenlosen Abgrund, dann riss er die Vorderbeine in die Höhe, krallte sich mit den Hufen in das Geröll der Steigung und ich klammerte mich mit aller Kraft an seinem Hals fest.

Noch heute kann ich die Kontraktionen seiner Muskeln unter mir spüren und die ungeheure Kraft, mit der er sich wie ein Panther den Berg hinaufkämpfte. Sogar mit den Zähnen biss er nach den dürren Sträuchern und nutzte ihren Halt, um uns beide hochzuziehen. Für einen winzigen Moment sah ich eines seiner Augen, in dem nicht die irre Wut eines um sein Leben kämpfenden Tieres stand, sondern etwas anderes. Es war der Augenblick, in dem ich begriff, dass mir nichts geschehen würde. Weil dieses Pferd es nicht zulassen würde. Es war nur ein Gefühl, doch mit einer absoluten Sicherheit. Ich musste erst wieder gesund werden, fünfzehn Jahre mussten ins Land ziehen und ich musste ein drittes Mal heiraten, um diesem Gefühl einen Namen geben zu können: Geborgenheit.

Heute rede ich mir ein, in diesem Moment damals gewusst zu haben, dass er nicht um sein eigenes Leben gekämpft hatte, sondern um meines. Doch das ist sicher nur Einbildung, typisch menschliche Wichtigkeit.

Das Gaucho tatsächlich den Aufstieg mit mir auf seinem Rücken schaffte und mir so das Leben rettete, ist jedoch keine Einbildung.  Schweißgebadet rutschte ich von seinem Rücken und war glücklich, wieder festen, vor allem aber waagerechten Boden unter den Füßen zu haben. Gaucho senkte seinen Kopf, schnaubte mir seinen heißen Atem ins Gesicht und es hörte sich fast so an, als lachte er. Und eines weiß ich genau: Er hat mich angegrinst dabei. Ich schwöre es euch!

Salute Gaucho, wo immer du auch jetzt bist!

 

(C) RHCSo 2015


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Veröffentlicht19. Februar 2016 von rsonnberg in Kategorie "abenteuerlich", "Kurzgeschichten", "tierisch

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