Februar 18 2016

Nur ein Lächeln

 

Von Vollpfosten, Stresshormonen und einem langen Arbeitstag

 

vollpfosten„Ich müsste ja ein Vollpfosten sein, wenn ich hier arbeiten würde!“
Der Mann auf dem Barhocker mit der Figur eines halbleeren Sandsacks und der Gesichtsfarbe einer Talgkerze lacht. Er nickt dazu und die Schweißperlen auf seiner Halbglatze geraten in Bewegung, rinnen ihm über die flache Stirn in den offenen Kragen seines Polohemdes und gesellen sich dort zu ihren Vorgängern. Es scheint ihn nicht zu stören.
Mit einem Glitzern in den wässrigen Augen blickt er Ellen an: „Du bist zwar nicht mehr so taufrisch, aber mit deinem Aussehen könntest du noch ordentlich Kohle verdienen.“

Nur ich bemerke den winzigen Aussetzer in der kreisenden Bewegung ihrer kleinen Hände, mit der sie hinter dem Tresen ein Glas poliert. Doch sie lächelt das Talggesicht an. Sie lächelt immer, für jeden, meistens mit viel Herzlichkeit und nur manchmal schimmert bläulich kalter Stahl dabei in ihren Augen. Ich muss sie nicht anschauen, um zu wissen, dass er da ist, genau jetzt.

„Meinen Sie wirklich?“ Nichts in ihrer Antwort klingt, als wäre sie verletzt, eher klingt sie erfreut, als hätte sie ein Kompliment bekommen. Provozierend streicht sie sich über die schmalen Hüften, lacht ihm mitten ins Gesicht und fragt: „Mit Ihnen?“

Die geschminkten Wangen der hungrigen Blondine auf dem Barhocker neben dem Sandsack zeigen hektische rote Flecken. „Wir wollten schon vor einer halben Stunde gehen!“ faucht sie den Sandsack an und schiebt seine Hand von ihrem kurzberockten Schenkel.

Unbeeindruckt davon patscht er die Hand in meine Richtung auf die Platte des Tresens, die Ellen gerade von seinem verschütteten Bier befreit hat und knurrt: „Hey, Vollpfosten, was verdienst du hier?“

Ich blicke nicht ihn an, sondern die Eisenstange neben meiner rechten Hand unter dem Tresen. Einen halben Meter lang ist sie und ungefähr zwei Kilogramm schwer. Ich klappe damit die Seitenwände der Bahnen hoch, damit auch die Kinder Spaß beim Bowling haben und es ist der Moment, in dem mir Patrick Swayze und „Roadhouse“ einfallen. „Es ist nie persönlich“, hat er gesagt und: „seid immer nett.“ Ich bin immer nett, aber es ist persönlich. Immer. Ich bin kein Einrichtungsgegenstand, ich bin ein Mensch.

Zweiundsechzig Kinder und einhundertachtundneunzig Erwachsene haben in den letzten zehn Stunden mit ihren großen und kleinen Problemen mein Lächeln und meine Energie aufgesaugt wie trockene Schwämme und nun ist kaum mehr davon übrig als Stresshormone, die in meinem Blutkreislauf eine Party feiern und wilde Kopfschmerzen.

„Ich rede mit dir, Vollpfosten!“ Der Mann knallt seine Hand noch einmal auf die Tresenplatte.

„Entschuldigung. Was ich verdiene, darf ich Ihnen nicht sagen. Möchten Sie stattdessen wissen, was ich bekomme?“

Meine Antwort scheint ihn zu irritieren, seine Freundin blickt mir kurz in die Augen und irgendetwas in meinem Gesichtsausdruck veranlasst sie wohl, ihn am Arm zu zerren. „Komm, lass uns gehen. Die Leute wollen Feierabend machen.“

„Lass mich!“, faucht Sandsack sie an. „Ich kriege noch eine Antwort!“

Natürlich bekommt er die. Ein Kindergesicht mit strahlenden Augen, umrahmt von lustigen blonden Zöpfen, fällt mir ein. Das kleine Mädchen hatte nicht genug Kraft gehabt, die Bowlingkugel stark genug zu werfen und so blieb sie mitten auf der Bahn liegen. Ich hatte die Kleine auf meine Arme genommen und sie über die Bahn getragen, damit sie selbst die Kugel aufnehmen konnte. Die ganze Halle hatte gejohlt und meine Belohnung war ein rotgesichtiges „Danke“ von ihr gewesen. Und auch an den alten Herren mit seinem steifen Bein erinnere ich mich, der drei Strikes nacheinander geworfen hatte. Mein Schulterklopfen hatte ihn fürchterlich verlegen gemacht, doch beim Bezahlen hinterher wollte er mir unbedingt die Hand schütteln.

Ich blicke den besoffenen Mann am Tresen an und er tut mir ein wenig leid. „Lächeln bekommen wir hier“, antworte ich ihm schließlich auf seine Frage, „nichts weiter als ein Lächeln.“

 

(C) RHCSo 2015


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Veröffentlicht18. Februar 2016 von rsonnberg in Kategorie "Kurzgeschichten", "nachdenklich", "Tagesgeschehen

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